Volksbegehren des Geistes - III. Akt

Der ewig brennende Flakturm

Die Vergangenheit ist nicht vergangen, solange ihre Ideologien weiterleben.

Ein Monument, das nicht schweigen darf

Mitten im Wiener Augarten erhebt sich seit mehr als acht Jahrzehnten ein monumentaler Betonkoloss: der Flakturm, errichtet während der nationalsozialistischen Herrschaft. Als architektonisches Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs prägt er bis heute das Stadtbild und erinnert an eine Zeit, in der Architektur auch der Demonstration militärischer und politischer Macht diente.

Während sich die Stadt um ihn herum verändert hat, ist der Turm weitgehend unverändert geblieben. Seine gewaltige Betonstruktur überragt die Bäume des Augartens und steht als materielles Zeugnis einer Diktatur, deren Verbrechen zu den dunkelsten Kapiteln europäischer Geschichte gehören.

Doch welche Bedeutung besitzt dieses Bauwerk heute?

Ist es ein Mahnmal? Ein historisches Relikt? Ein Denkmal militärischer Architektur? Oder ein Bauwerk, dessen Anwesenheit längst so selbstverständlich geworden ist, dass seine Geschichte zunehmend aus dem alltäglichen Bewusstsein verschwindet?

DER EWIG BRENNENDE FLAKTURM

Mit „Der ewig brennende Flakturm“ stellt Zino Weinstein diese Fragen in den Mittelpunkt einer monumentalen künstlerischen Intervention.

Seine Forderung ist ebenso einfach wie radikal:

Die Krone des Augarten-Flakturms soll für immer brennen.

Nicht, um das Bauwerk zu zerstören. Nicht, um seine Vergangenheit zu verherrlichen. Sondern um es in ein weithin sichtbares Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus zu verwandeln.

Ein ewiges Feuer gegen das Vergessen

Das Feuer gehört zu den ältesten Symbolen menschlicher Erinnerung. Es steht für Leben und Vergänglichkeit, für Trauer und Hoffnung, aber auch für Zerstörung und Erneuerung.

In zahlreichen Erinnerungskulturen verkörpert die ewige Flamme das Versprechen, dass das Gedenken an die Verstorbenen niemals erlöschen soll.

Weinstein überträgt dieses Symbol auf ein Bauwerk, dessen ursprüngliche Bestimmung dem Krieg diente.

Die Krone des Flakturms, einst Teil einer militärischen Verteidigungsanlage, wird in seiner künstlerischen Vision zum Träger einer weithin sichtbaren Gedenkflamme.

Darin liegt eine bewusste Umkehrung seiner historischen Bedeutung.

Aus einem Monument des Krieges soll ein Monument der Erinnerung werden.

Das Feuer ist den Millionen Menschen gewidmet, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgt, entrechtet und ermordet wurden: den europäischen Jüdinnen und Juden, den Roma und Sinti, den aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Verfolgten, den Menschen mit Behinderungen, den politischen Gegnern des Regimes, den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie allen weiteren Opfern nationalsozialistischer Verbrechen.

Die Flammen sollen nicht das Bauwerk selbst vernichten. Sie sollen seine Geschichte sichtbar halten.

Erinnerung ist keine abgeschlossene Aufgabe

Österreich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten intensiv mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandergesetzt. Historische Forschung, Gedenkstätten, Denkmäler und öffentliche Diskussionen haben wesentlich dazu beigetragen, die Verbrechen des NS-Regimes aufzuarbeiten.

Doch die Existenz einer Erinnerungskultur bedeutet nicht, dass die Ideologien, vor denen sie warnt, endgültig überwunden sind.

Antisemitismus, Homophobie, Rassismus und autoritäre Denkmuster bestehen weiterhin.

Die Vergangenheit ist daher nicht ausschließlich eine historische Angelegenheit. Ihre Auseinandersetzung bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe der Gegenwart.

Als Künstler mit jüdischen Vorfahren und als queerer Mensch verbindet Weinstein mit dieser Thematik auch eine persönliche Perspektive.

Das Projekt stellt die Frage, ob Erinnerung allein durch die Bewahrung historischer Monumente gewährleistet werden kann – oder ob es neuer künstlerischer Formen bedarf, um ihre Bedeutung immer wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Was bedeutet Erinnerung, wenn jene Ideologien, deren Opfer wir gedenken, weiterhin Menschen erreichen?

Der ewig brennende Flakturm ist keine Antwort auf diese Frage.

Er ist ihre monumentale Verkörperung.

Ein Feuer ohne Verbrennung

Die künstlerische Vision sieht keine tatsächliche Verbrennung des Bauwerks vor.

Stattdessen könnte die Illusion eines ewigen Feuers durch eine Installation aus fein zerstäubtem Wasser und dynamischer LED-Beleuchtung entstehen.

Über der Krone des Flakturms würden sich scheinbar lodernde Flammen erheben, ohne dass offenes Feuer, Ruß oder Verbrennungsabgase entstehen.

Ein Betrieb mit erneuerbarer Energie könnte die Umweltbelastung reduzieren. Die tatsächliche technische Machbarkeit sowie der Energie- und Wasserverbrauch müssten vor einer Realisierung gesondert geprüft werden.

Die Lichtinstallation könnte darüber hinaus auf besondere Gedenktage und gesellschaftliche Anlässe reagieren.

Während der Vienna Pride etwa könnten die Flammen in den Farben des Regenbogens erscheinen und damit sowohl an die nationalsozialistische Verfolgung homosexueller Menschen erinnern als auch ein Zeichen der Solidarität mit der heutigen queeren Gemeinschaft setzen.

Die wechselnden Farben wären dabei nicht als dekorative Inszenierung gedacht, sondern als bewusst gesetzte Zeichen innerhalb eines Gedenkkonzepts.

So entsteht die Vorstellung eines Denkmals, das nicht ausschließlich die Vergangenheit bewahrt, sondern in einen fortwährenden Dialog mit der Gegenwart tritt.

Die unmögliche Forderung als Kunstwerk

„Der ewig brennende Flakturm“ ist Teil von Zino Weinsteins konzeptuellem Kunstprojekt „Volksbegehren des Geistes“.

Im Zentrum dieser künstlerischen Praxis stehen bewusst außergewöhnliche, mitunter utopische Forderungen zur Veränderung des öffentlichen Raums.

Sie werden durch Visualisierungen, Texte und öffentliche Petitionen in die gesellschaftliche Diskussion eingebracht.

Die Forderungen sind dabei nicht allein als konkrete Bauvorhaben zu verstehen.

Vielmehr dienen sie als Ausgangspunkt einer öffentlichen Auseinandersetzung über Geschichte, Architektur, Erinnerung und gesellschaftliche Werte.

Der eigentliche künstlerische Prozess beginnt dort, wo die Öffentlichkeit auf die Forderung reagiert.

Zustimmung, Ablehnung, Irritation und Kritik werden zu Bestandteilen des Werks.

Die Reaktionen von Medien, Bevölkerung, Politik und Institutionen erweitern die ursprüngliche künstlerische Setzung und verleihen ihr eine gesellschaftliche Dimension.

Weinstein bezeichnet diese Form der partizipativen, diskursiven Kunst als Demokratieskulptur.

Anders als eine traditionelle Skulptur besitzt sie keine abschließend festgelegte materielle Form.

Sie entsteht durch die Auseinandersetzung zwischen künstlerischer Vorstellung und gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Das Feuer ist eine Vision. Die Debatte darüber ist das Kunstwerk.

Der Abschluss des Wiener Triptychons

„Der ewig brennende Flakturm“ bildet den dritten und abschließenden Akt des Wiener Triptychons Volksbegehren des Geistes.

Die drei Interventionen setzen sich auf unterschiedliche Weise mit der Bedeutung monumentaler Architektur im kollektiven Gedächtnis auseinander.

Den Auftakt bildete die Coronasäule, eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Erinnerung an die COVID-19-Pandemie und den gesellschaftlichen Erfahrungen dieser Zeit.

Im März 2026 folgte „Turmbau zu Wien“, Weinsteins Forderung nach der Vollendung des seit Jahrhunderten unvollendeten Nordturms des Wiener Stephansdoms. Das Projekt stellte die Frage, weshalb manche historischen Bauvorhaben als abgeschlossen gelten, obwohl sie niemals vollendet wurden, und welche Bedeutung monumentale Visionen für das Selbstverständnis einer Stadt besitzen.

Mit dem ewig brennenden Flakturm wendet sich die künstlerische Untersuchung schließlich einem Bauwerk zu, dessen Geschichte nicht vollendet, sondern kritisch erinnert werden muss.

Die drei Akte verbindet die Auseinandersetzung mit Vergangenheit, öffentlichem Raum und gesellschaftlicher Identität.

Sie stellen drei unterschiedliche Fragen:

Woran wollen wir erinnern?

Was wollen wir vollenden?

Was dürfen wir niemals vergessen?

Mit dem dritten Akt wird das Wiener Triptychon abgeschlossen. Das übergeordnete Volksbegehren des Geistes soll jedoch über Wien hinaus fortgesetzt werden, unter anderem mit künstlerischen Interventionen in Prag, Paris, Berlin und London.

Eine Einladung zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung

Der Flakturm im Augarten ist nicht nur ein architektonisches Überbleibsel der Vergangenheit.

Er ist ein Ort, an dem sich grundlegende Fragen unserer Gegenwart verdichten.

Wie gehen wir mit den materiellen Hinterlassenschaften einer Diktatur um? Welche Formen des Gedenkens sind angemessen? Wie können historische Monumente dazu beitragen, dass Erinnerung nicht zur Selbstverständlichkeit wird?

Die Forderung nach einem ewig brennenden Flakturm eröffnet bewusst Raum für unterschiedliche Antworten.

Vielleicht soll der Turm unverändert bleiben. Vielleicht braucht er eine neue historische Vermittlung. Vielleicht kann eine künstlerische Intervention seine Bedeutung verändern.

Die Entscheidung darüber ist nicht vorweggenommen.

Gerade die öffentliche Auseinandersetzung mit diesen Möglichkeiten bildet den Kern des Projekts.

Die begleitende Petition auf http://Change.org lädt zur Teilnahme an diesem Diskurs ein.

„Der ewig brennende Flakturm“ ist damit zugleich Denkmalvision, gesellschaftliche Fragestellung und konzeptuelles Kunstwerk.

Seine Bedeutung liegt nicht ausschließlich in der Vorstellung eines brennenden Monuments, sondern in den Fragen, die diese Vorstellung aufwirft.

Denn Erinnerung ist kein Zustand.

Erinnerung ist eine fortwährende Verantwortung.

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Zino Weinstein
Der ewig brennende Flakturm, 2026
Konzeptuelle Kunstintervention, digitale Visualisierung und öffentliche Petition
Dritter Akt des Wiener Triptychons Volksbegehren des Geistes

Die dargestellte Feuerinstallation ist eine künstlerische Visualisierung. Eine tatsächliche bauliche Umsetzung ist nicht beschlossen.

 

©Zino Weinstein

 

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