Der unvollendete Turm

Der Stephansdom ist eines der zentralen Bauwerke Europas. Er steht im Herzen Wiens, im Zentrum der Stadt und im kollektiven Bewusstsein. Und doch ist er unvollendet. Nicht aus Mangel an handwerklicher Fähigkeit, nicht aus finanzieller Not, sondern weil irgendwann aufgehört wurde, über seine Vollendung nachzudenken.

Dieses Projekt stellt genau diesen Moment infrage.

Über Jahrhunderte hinweg war es selbstverständlich, an Bauwerken weiterzuarbeiten, auch wenn ihre Vollendung außerhalb der eigenen Lebenszeit lag. Kathedralen wurden begonnen in dem Wissen, dass Generationen nach einem selbst daran weiterbauen würden. Architektur war ein Versprechen an die Zukunft. Heute bewahren wir diese Bauwerke sorgfältig, respektvoll – aber wir haben aufgehört, sie als offene Gedanken zu begreifen. Der Stephansdom ist dadurch zu einem abgeschlossenen Symbol geworden, obwohl er sichtbar unvollendet ist.

Die Forderung, die dieses Projekt stellt, ist keine praktische und keine politische. Sie lautet nicht, den Dom tatsächlich zu vollenden. Sie lautet: Warum sprechen wir nicht mehr darüber, dass er unvollendet ist? Warum erscheint allein der Gedanke daran als anmaßend, absurd oder tabu? Und was sagt das über unser Verhältnis zur Geschichte, zur Zukunft und zu uns selbst aus?

Der vorgeschlagene zweite Turm ist deshalb bewusst unmöglich. Er ist keine architektonische Lösung, sondern ein Denkbild. Seine Form ist biomorph und fließend, bewusst im Kontrast zur gotischen Strenge des bestehenden Turms. Der Sockel bleibt unverändert, historisch, klar erkennbar als Teil des realen Doms. Darüber erhebt sich etwas Fremdes, Zeitloses, nicht Einordenbares. Gedacht ist dieser Turm aus Lapis Lazuli – einem Material, das seit Jahrtausenden für das Geistige, das Himmlische, das Unerreichbare steht. Nicht als Bauvorschlag, sondern als Symbol.

Der Turm ist ein Gedanke, der sichtbar gemacht wird. Er markiert das Unvollendete, nicht als Mangel, sondern als Zustand. Er steht für das, was offen geblieben ist – im Bauwerk ebenso wie im Menschen.

Dieses Projekt ist Teil des Triptychons „Volksbegehren des Geistes“. Es versteht sich als Einladung, einen gemeinsamen Wirklichkeitsraum zu betreten, in dem wieder über große, scheinbar unlösbare Fragen gesprochen werden kann. Nicht um Lösungen zu erzwingen, sondern um Denkbewegungen auszulösen. In einer Zeit, in der sich Wirklichkeiten zunehmend fragmentieren und jede Meinung in ihrer eigenen Blase verbleibt, geht es darum, einen gemeinsamen Bezugspunkt zurückzugewinnen.

Der Stephansdom eignet sich dafür, weil er allen gehört – kulturell, historisch, emotional. Über seine Unvollendetheit zu sprechen bedeutet, über unseren eigenen Umgang mit Zukunft, Mut und Vorstellungskraft zu sprechen. Unsere Vorfahren bauten im Vertrauen darauf, dass spätere Generationen den Mut haben würden, weiterzudenken. Dieses Projekt fragt, ob wir diesen Mut noch besitzen.

Der Turm fordert nichts Konkretes. Er verlangt keine Entscheidung. Er zwingt niemanden zu einer Position. Er stellt nur eine Frage – sichtbar, unübersehbar und bewusst überhöht: Wann haben wir aufgehört, an das Unvollendete zu glauben?

Und was wäre möglich, wenn wir wieder damit beginnen würden.

Lass uns das Unvollendete zu Ende denken!

FAQ

Frequently Asked Questions

Was ist das Ziel dieses Projekts?

Das Projekt möchte eine Debatte eröffnen. Es geht nicht darum, den Stephansdom tatsächlich baulich zu verändern, sondern darum, das Unvollendete sichtbar und besprechbar zu machen. Der Turm ist ein Denkbild, kein Bauplan.

Warum ein zweiter Turm?

Der Stephansdom besitzt historisch nur einen der geplanten Türme. Der fehlende zweite Turm ist sichtbar und bekannt, wird aber kaum thematisiert. Der vorgeschlagene Turm macht dieses Fehlen bewusst und transformiert es in eine Frage an die Gegenwart.

Fordert das Projekt wirklich die Vollendung des Stephansdoms?

Die Forderung ist bewusst paradox formuliert. Sie meint nicht eine reale Umsetzung, sondern stellt die Frage, warum wir aufgehört haben, über Vollendung, Weiterdenken und Gestaltung überhaupt zu sprechen. Die Forderung ist ein Mittel, um eine geistige Bewegung auszulösen.

Warum ist der Turm so anders gestaltet als der bestehende?

Die biomorphe, fließende Form steht bewusst im Kontrast zur gotischen Architektur. Der historische Sockel bleibt unverändert. Der neue Turm beginnt dort, wo das Denkbare endet. Er steht für das Geistige, das Offene und das noch Nicht-Gestaltete.

Warum Lapis Lazuli als Material?

Lapis Lazuli ist kein realistisches Baumaterial für ein solches Projekt. Gerade deshalb wurde es gewählt. Seit Jahrtausenden steht der Stein für Transzendenz, das Geistige und das Unerreichbare. Er macht klar: Dieser Turm ist ein Symbol, kein technischer Vorschlag.

Ist das Projekt respektlos gegenüber einem religiösen Bauwerk?

Nein. Im Gegenteil: Es nimmt den Dom ernst – als lebendiges Denkmal, nicht als museales Objekt. Das Projekt versteht den Stephansdom als offenen Gedankenraum, nicht als abgeschlossenen Zustand.

Ist das Kunst, Architektur oder Politik?

Es ist Kunst. Das Projekt arbeitet mit architektonischer Sprache, stellt aber keine politischen Forderungen im engeren Sinn. Es ist auch kein Architekturprojekt im technischen Sinne. Es ist eine künstlerische Intervention im Denken.

Warum jetzt?

Weil unsere Zeit geprägt ist von Fragmentierung, Rückzug und dem Verlust gemeinsamer Bezugspunkte. Das Projekt fragt, ob wir noch in der Lage sind, über etwas zu sprechen, das größer ist als individuelle Meinungen oder kurzfristige Lösungen.

Was bedeutet der Titel „Volksbegehren des Geistes“?

Der Titel spielt bewusst mit der politischen Form des Volksbegehrens, verschiebt sie aber ins Geistige. Es geht nicht um Abstimmungen oder Mehrheiten, sondern um einen gemeinsamen Denkraum, den alle betreten können.

Soll der Turm tatsächlich gebaut werden?

Nein. Der Turm existiert als Bild, als Vorstellung, als bewusste Überforderung. Seine Aufgabe ist erfüllt, wenn darüber gesprochen, gestritten und nachgedacht wird.

Was erhofft sich der Künstler von diesem Projekt?

Nicht Zustimmung, sondern Auseinandersetzung. Nicht Einigkeit, sondern Gespräch. Das Projekt ist erfolgreich, wenn es Fragen stellt, die nicht sofort beantwortet werden können.

 

©Zino Weinstein

 

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